150. Stiftungsfest

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Chargen beim 150. Stiftungsfest

150 Jahre Marburger Burschenschaft Germania!

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150 Jahre sind im Lauf der Geschichte nur ein Wimpernschlag, für Menschen jedoch ist dies eine enorme Zeitspanne. Umso mehr, wenn diese Geschichte nicht einfach so vergeht, sondern täglich gelebt wurde, die Leben einer Vielzahl von Menschen berührte und diese zu einem Ganzen vereinte, das mehr ist als seine Teile: 150 Jahre Germania Marburg, das sind 150 Jahre Schweiß, Blut und Tränen.

Schweiß, der beim Bau des Hauses genauso wie auf dem Paukboden floß. Blut, das sich zuweilen dann hergab, wenn die scharfen Gänge oder der Ruf des Vaterlandes erschallten. Und Tränen, die nicht nur das Leid desselben, Verbot und Beschlagnahmung beweinten, sondern auch viele geliebte Bundesbrüder bei ihrem letzten Gang.

Vieles im Laufe dieser Jahre war von den Gründungsvätern, die 1868 den »Kleinen Hersfelder Convent« bildeten, aus dem im Jahre 1899 nach einigen Umwegen die Marburger Burschenschaft Germania hervorging, wohl nicht vorhersehbar. Wie für viele andere Burschenschaften, so hielt auch für uns die Geschichte einen steinigen Weg parat.

Die Eckdaten bis ins Jahr 1950 sind schnell erzählt und dürften den Meisten aufgrund der Verknüpfung mit der allgemeinen deutschen Geschichte bekannt sein; sie bestimmten das Schicksal auch vieler anderer Bünde und Verbandsbrüder. Auch wir haben unseren Blutzoll in zwei Weltkriegen und den stets glimmenden Auseinandersetzungen dazwischen entrichtet, auch unser Haus wurde nach 1945 beschlagnahmt, auch wir wurden verboten. Freundschaft und die Gemeinschaftsbewußtsein jedoch haben all diese Widrigkeiten überwunden, und sie waren es auch, die im Mai 2018 in Marburg eine dreistellige Besucherzahl zu einem würdigen Fest zogen, wie es die alte Universitätsstadt viele Jahre nicht mehr gesehen hatte.

Das Wissen um Geschichte und Herkunft ist für die Bestimmung des eigenen Standpunktes unerläßlich, und so stand an diesem Wochenende die Freude im Mittelpunkt. Begrüßungsabend, Kommers, Ball und Frühschoppen bildeten die Eckpfeiler eines viertägigen Programms, das sich an den gewohnten Ablauf eines Stiftungsfestes anlehnte.

Der Kommers als Höhepunkt der Festfolge

Zahlreiche befreundete Burschenschaften erwiesen uns die Ehre, Chargenabordnungen zu stellen. Der Leiter des Kommerses stellte den Abend unter den Leitspruch der Deutschen Burschenschaft »Ehre, Freiheit, Vaterland« und unterstrich damit die enge Verbundenheit unseres Bundes mit dem Verband und seiner Geschichte.

Als Festredner ließ unser Alter Herr die Geschichte des Bundes Revue passieren und ging aus diesen Betrachtungen heraus auf die Gegenwart ein. Der Abschnitt über die neuere Geschichte sei hier ausschnittsweise wiedergegeben:

»[…] In den Nachkriegsjahren waren es dann Germanen, die richtungsweisend die Deutsche Burschenschaft wiederbelebten und erhielten. Am 16. Juni 1950 erfolgte die Gründung der Deutschen Burschenschaft auf unserem Haus!

Im Jahr 1953 erfolgte im Göttinger Mensurprozeß der Freispruch eines Corpsstudenten aufgrund des entscheidenden Gutachtens unseres Bundesbruders und damit die Genehmigung studentischen Fechtens nach dem Krieg. Alle Waffenstudenten sollten dies auch heute noch ehrenvoll zu würdigen wissen.

Im Jahr 1968 übernahm unser Bund den DB-Vorsitz in der schwierigen Zeit der Studentenrevolte und verhinderte durch umsichtiges Handeln, wenn auch zu dem Preis von Kompromissen, die beinah unvermeidbare Spaltung der DB. […]«

Am 13. November 1989 erfolgte durch unseren Bund die Organisation der einzigen Demonstration in Westdeutschland zur Deutschen Einheit. Als Geschenk an den Bund überreiche ich hier gerahmt die Anmeldung der Demonstration bei der Stadt Marburg. Mit einem Fackelzug von etwa 80 Teilnehmern mußten wir unter Polizeischutz gegen pfeifende und prügelnde Gegendemonstranten uns vom Schloß zum Markt durchkämpfen, um dort unsere Kundgebung abzuhalten. Beschämend war hier nicht nur das Verhalten der linken Öffentlichkeit, sondern auch eines Teils der Korporationen und Burschenschaften. Alemania und Arminia weigerten sich teilzunehmen, Arminia schickte sogar einen (veröffentlichten) Leserbrief an die Oberhessische Presse, in welchem sich der Konvent sinngemäß von uns und dem Wunsch der Wiedervereinigung distanzierte. Beide Bünde feierten nach meiner Kenntnis im folgenden Jahr dennoch einen Kommers anläßlich der Wiedervereinigung.

2015 übernahm unser Bund den DB-Vorsitz im Jahr des 200jährigen Bestehens der Deutschen Burschenschaft. Die gute Arbeit und Organisation des Burschentages und Festakts wurde allseits gelobt. Germania hatte wieder herausragende Arbeit geleistet.

Heute sitzen wir zusammen und blicken stolz auf 150 Jahre des Bestehens unserer Burschenschaft zurück. Was aber lehrt uns die Geschichte unseres Bundes?

Wir waren ehrenhaft und beständig in fünf Systemen:  Preußen, Kaiserreich, Weimarer Republik, III. Reich und Bundesrepublik Deutschland. Alle Systeme haben für sich einen ewigen Bestand angenommen; vier sind doch vergangen und das fünfte gibt sich große Mühe, auch nicht von Ewigkeit zu sein.

Ohne Änderung unseres Standpunktes sind wir in der öffentlichen Wahrnehmung von links nach rechts gerückt. Das sagt weniger über unseren Standpunkt als über die Wahrnehmung und Charakterstärke unserer Betrachter aus.

Unsere Freundschaft hat alles überdauert!

Was sind aber heute unsere Herausforderungen?
Wir müssen feststellen, daß sich alle Grundlagen und Werte unserer Gesellschaft und damit auch unseres Bundes auflösen oder in Frage gestellt werden bis hin zur Leugnung und Kriminalisierung. […]

Wir beobachten die Auflösung der Positionen links und rechts und Ersetzung durch irrationale Begriffe wie Gut oder Böse. Wir erkennen das Verschwinden von Religion, zumindest der christlichen, sowie von Nation und Volk. Wir erleben eine Kulturrevolution in Sprache, Geschichtsumdeutung und Soziologie. Beispielhaft sei hier nur die Hinterfragung von Grundbegriffen wie Volk und Geschlecht genannt. In der Bevölkerung ist berechtigt ein grundlegendes Mißtrauen gegenüber Presse und Politik entstanden, eine Polarisierung wie in der Weimarer Republik spaltet Familien und Freundeskreise. Wir glaubten früher an die Macht des besseren Arguments und Diskurses sowie der Gerechtigkeit. Wie aber soll man rational mit jemanden diskutieren, der die Existenz von Geschlechtern und des Volkes schlicht leugnet?

Alles hat ganz klein angefangen. Wir haben gelacht, als der AStA begann, immer entgegen der deutschen Grammatik ein »*Innen« an maskuline Substantive zu hängen und die deutsche Sprache zu verhunzen.

Heute werden alle Gesetze neu formuliert und geschlechterneutral verkündet, was sie zwar unverständlich, aber politisch korrekt macht. Es fragt sich nur, wie jetzt verfahren werden soll, nachdem das Bundesverfassungsgericht noch ein weiteres Geschlecht zugelassen hat. Wenn der Grünenpolitiker Habeck verkündet, es gebe kein Volk, und für Frau Merkel jeder Deutscher ist, der gerne hier lebt, so ist es nicht mehr weit bis zur Entfernung der Widmung am Reichstag »Dem deutschen Volke«.

Das Gelöbnis bei der Bundeswehr lautet noch: »Ich gelobe, der Bundesrepublik Deutschland treu zu dienen und Recht und Freiheit des Deutschen Volkes tapfer zu verteidigen.« Wen verteidigen zukünftige Generationen, oder sollen diese nur noch dienen? Die Beispiele lassen sich beliebig fortführen.

Es ist aber müßig, Verfallserscheinungen zu beschreiben oder zu beklagen. Wir müssen Erkenntnisse aus der Vergangenheit und der Geschichte unseres Bundes ziehen und jeder für sich handeln. Was ist das Fazit?

  • Wehret den Anfängen – wir haben in den letzten 40 Jahre zu viele Torheiten geduldet und dulden sie immer noch.
  • Seid nicht unsicher und zerstritten – vereint euch unter dem gemeinsamen Geist.
  • Auch einzelne können viel bewegen – laßt uns anfangen.
  • Wir haben 150 Jahre überdauert, während vier Systeme mit Ewigkeitsanspruch untergingen und eines in Agonie liegt.

Wir werden auch weitere 150 Jahre überdauern, wenn wir uns treu sind.
Kierkegaard hat dies mit dem Aphorismus umschrieben: »Wer mit dem Zeitgeist verheiratet ist, wird schnell Witwer
«.

Ich möchte aber lieber mit einem Zitat enden, welches die schwedische Krankenschwester Elsa Brändström, bekannt als der Engel von Sibirien, die Frau, die hunderttausende deutsche Kriegsgefangene vor dem Tod in russischen Kriegsgefangenen bewahrt hat, viermal für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen wurde, nach dem 2. Weltkrieg die Hilfsstiftung Care und die Studienstiftung des deutschen Volkes mitbegründete, in die Empfangshallen der von ihr gegründeten »Arbeitssanatorien für ehemalige kriegsgefangene Deutsche« schrieb:

»Du sollst an Deutschlands Zukunft glauben, an Deines Volkes Auferstehen, laß diesen Glauben Dir nicht rauben, trotz allem, allem was geschehen. Und handeln sollst Du so als hinge, von Dir und Deinem Tun allein, das Wesen ab, der deutschen Dinge, und die Verantwortung wär Dein.«

Wie sieht es nun aus, nach 150 Jahren? Haben wir die eigenen Ansprüche erfüllt, haben den Geist erhalten und können wir ein positives Fazit ziehen? Wir sind nicht die Ersten, die sich das fragen. Große Daten und Jubiläen laden immer dazu ein, einen Blick zurück zu werfen und mit sich selber ins Gericht zu gehen. Vor einhundert Jahren haben sich Marburger Germanen dieselbe Frage gestellt, noch beeinflußt von den Stahlgewittern des Weltkrieges, den vielen gefallenen Bundesbrüdern und den politischen Bränden in der Heimat. So hielt man auch zum fünfzigsten Stiftungsfest 1918 eine selbstkritische Rückschau:

»[…] Dann kam die harte Not der Prüfung für unser deutsches Volk, der Prüfung aber auch für unseren Bund, in dem er erweisen sollte, ob er das geleistet, was zu tun er gelobt und verheißen. Seine Söhne zu deutschen Männern zu erziehen, zu Männern, denen das Vaterland über alles geht, zu Männern, die im Sturm und Drang der Schlacht in Not und Entbehrung standhalten, die »dem Vaterland zu geben Hab und Leben allesamt bereit« sind«, so erklärte es damals ein Alter Herr.

Die Ideale, die selbstgestellten Anforderungen und das Verständnis als Burschenschafter sind immer noch die Gleichen. Der Gegenwind zeigt uns nur, daß wir diese auch immer noch erfüllen.

Nach 150 Jahren kann daher nur erneut das Fazit gezogen werden, das auch vor einhundert Jahren unter die eigene Geschichte gesetzt wurde: »Die Prüfung ist bestanden!«