Marburger Marktfrühschoppen

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Das Sommerfest der Marburger Burschenschaft Germania bot den Anlaß, sich zu fragen, was eigentlich aus dem traditionellen Marburger Marktfrühschoppen geworden ist.

War doch das besagte Sommerfest oftmals Anlaufpunkt für viele Verbandsbrüder, um sich schon am Vorabend auf den Marktfrühschoppen einzustimmen und mehr als einen Vormittag in Marburg zu verbringen. Bis in das Jahr 2014 war der Morgen des ersten Juli-Sonntags in Marburg geprägt von aus allen Richtungen herbei strömenden Verbindungsstudenten, die die Oberstadt anläßlich des Marktfrühschoppens ansteuerten. Junge Füxe wie auch Alte Herren konnten hier in jedem Jahr erleben, daß es selbst in einer vermeintlich kulturmarxistisch geprägten Stadt möglich ist, daß sich Verbindungsstudenten zu hunderten öffentlich versammeln und ihre Traditionen feiern.

Seit den frühen Fünfzigerjahren wurde der Frühschoppen von verschiedenen Trägern, zuletzt dem Marktfrühschoppenverein, veranstaltet und sollte gewissermaßen Bürger und Studenten zusammenbringen. Der traditionelle Charakter des kürzesten Volksfestes Deutschlands, das studentische Liedgut und die Dominanz der Korporierten unter den Besuchern zog erwartungsgemäß zunehmend den Unmut »linker« Wohlstandskinder auf sich, die in den Gäßchen der Oberstadt ihren Protest abhielten. Kleinere Scharmützel nicht ausgeschlossen, blieb es über die Jahre gesehen trotzdem meist recht friedlich und die Demonstranten hätten einem beinahe im Gesamtbild gefehlt. Alles in allem hätte das Fest über die Jahre nicht viel unaufgeregter ablaufen können.

Das Gros der Besucher, allen voran die Korporierten, zogen das Fest nie in Zweifel und genossen das unbeschwerte Gefühl am Sonntagmorgen inmitten der Stadt feiern zu können. Der Marktfrühschoppen war dabei sicher kein unpolitisches Fest. Es kam zwar keine der teilnehmenden Verbindungen auf die Idee, ihn in irgendeiner Weise zu instrumentalisieren, aber war er doch ein Zeichen, daß Marburg nicht den „Linken“ gehört und Korporierte sich eben nicht überall vertreiben lassen.

2012 wurde der Marktfrühschoppen schließlich seitens der Stadt untersagt, eine offizielle Veranstaltung konnte also nicht stattfinden. Im Vertrauen auf eine gewisse Disziplin verabredete der Waffenring seinerzeit, sich trotzdem am Marktfrühschoppensonntag zu treffen, die Tische an den Cafes und Restaurants am Marktplatz zu besetzen, Bier zu trinken und Lieder zu singen. Auch wenn die Teilnehmerzahl zu wünschen übrig ließ – auch, weil es so mancher Couleurstudent vorzog, seinen Widerstand auf morgendliches Biertrinken im heimischen Garten zu beschränken – konnte doch gezeigt werden: Wir lassen uns den Marktfrühschoppen nicht verbieten.

Obwohl allen Beteiligten hätte klar sein müssen, daß ein Angriff auf einen einzelnen Bund letztlich ein Angriff auf den Marktfrühschoppen als Ganzes gewertet werden mußte, ließ man sich aufschwatzen, daß alle Kritik abfallen würde, wenn nur die örtlichen DB-Bünde Germania, Normannia und Rheinfranken nicht mehr am Marktfrühschoppen teilnehmen würden. Die Örtliche Burschenschaft (ÖB) gedachte freilich nicht, entsprechenden Aufforderungen dem Marktfrühschoppen fernzubleiben, nachzukommen.

2013 schließlich machte Bürgermeister Egon Vaupel eine Genehmigung von einer Distanzierung des Vereins zur Deutschen Burschenschaft abhängig. Der Vereinsvorsitzende Pfeiffer (Arminia Marburg) kam dem verlangten Kniefall nach und durfte sich anschließend wundern, daß deine Erlaubnis doch nicht ausgesprochen wurde und stattdessen gerichtlich erstritten werden mußte.

2014 sollte der bisher letzte Marburger Marktfrühschoppen stattfinden. Ab hier mußten sich weder Antifaschisten noch ihre Verbündeten im Rathaus oder den Stuben der Lokalpresse bemühen, den Marktfrühschoppen aktiv zu bekämpfen. Allein die – selbstredend völlig berechtigte – Befürchtung, daß Deutsche Burschenschafter es sich nicht nehmen lassen würden, in ihrer Studentenstadt auch am Marktfrühschoppen teilzunehmen, sorgte – wenigstens vordergründig – für eine vorauseilende Absage des Marktfrühschoppenvereins.

Die Deutsche Burschenschaft war freilich nie wirklich der Grund für die Absagen. Die Gegner des Marktfrühschoppens hätten die Kritik bei Fernbleiben der DB-Bünde eben auf andere Dachverbände angewandt. Selbst Distanzierungen bis zur völligen Selbstaufgabe hätten an der grundlegenden Ablehnung der Gegner von Tradition und Kultur nichts geändert. Es gab nie die Option einen Konsens zu finden. Diese Lektion wurde teuer bezahlt – der Marktfrühschoppen hat im Juni diesen Jahres seine Auflösung bekanntgegeben.

Wer auf einen sommerlichen Besuch des Städtchens an der Lahn trotzdem nicht verzichten möchte, darf sich auch künftig gerne – ganz ohne Distanzierungen – auf dem gut besuchten Sommerfest der Burschenschaft Germania einfinden. Etwaige sonntagmorgendliche Besuche des Marktplatzes nicht ausgeschlossen.