Ernst Jünger – Leben und Werk

Posted on

Vor einem gut gefüllten Saal hielt am 10. November 2017 der Publizist Werner Bräuninger bei der Marburger Burschenschaft Germania einen Vortrag zum Thema „Ernst Jünger – Leben und Werk“.

Anläßlich des 20. Todestags des „Seismographen des Weltkrieges“, wie Jünger sich selbst bezeichnete, wollen wir allen Verbandsbrüdern einen Auszug dieses Vortrages hiermit zur Verfügung stellen.

Es ist auch heute noch, zwanzig Jahre nach Ernst Jüngers Tod, kein leichtes Unterfangen, über ihn, sein Leben und Wirken und dessen vermeintliche „Ikonographie der Gegenaufklärung“ zu schreiben. Zu nahe und wie hinter einem Paravent verborgen sind uns noch die Geschehnisse im Deutschland der Zwischenkriegszeit, von denen es heißt, auch Jünger habe sie zumindest geistig mit vorbereiten geholfen. Jene zwölf Jahre sind eine „Vergangenheit, die nicht vergehen will“, wie Ernst Nolte konstatierte, die Allgegenwart des Gewesenen. Der historische Anspruch der Nationalsozialisten und ihre Vision vom „Tausendjährigen Reich“ wurden jedoch schon bald auf das Episodische reduziert.

Fast hatte es den Anschein, als sei Europa nach der Zerschlagung des NS-Herrschaftssystems in jenes Zeitalter der „letzten Menschen“ eingetreten, welches Friedrich Nietzsche einst prophezeit hatte. Etliche Intellektuelle, welche als „Vorläufer“ und „Wegbereiter“ des NS-Staates galten, weil sie den nationalen Aufbruch zunächst freudig begrüßt hatten, sich aber schon bald bitter enttäuscht oder angewidert abwandten und zurückzogen, ja sich oft den Männern des deutschen Widerstands anschlossen, fanden nur sehr zögerlich ihre Rehabilitierung. Einer von ihnen war Ernst Jünger.

Er durchmaß die Fährnisse und Havarien eines ganzen Jahrhunderts. Im Zeichen des Widders wurde Ernst Jünger am 29. März 1895 als ältestes von fünf Kindern, drei Brüdern und einer Schwester, geboren. Ein besonders inniges Verhältnis entwickelte er zu seinem drei Jahre jüngeren Bruder Friedrich Georg. Der Vater war Chemiker und führte später eine Apotheke im sächsischen Leisnig. Die Mutter Lily verkörperte das musische Element in der Familie. Die Kindheit verbrachte der Knabe zu einem großen Teil in Hannover, Rehburg und in Schwarzenberg im Erzgebirge. In Hannover und Braunschweig besuchte er Internatsschulen, in Hameln die Reformschule. Als durchweg schlechter Schüler, der dessenungeachtet ein begeisterter Leser war, versenkte er sich in die Traumwelten von Tausendundeine Nacht. Das Lesen war für Jünger stets eine „kultische Handlung“, da es, wie er meinte, als solche bereits geehrt wurde, als es innerhalb der Völker nur eine kleine Elite von Schriftkundigen gegeben hatte.

Mit dem Eintritt in den „Wandervogel“ bot sich dem Jungen die Möglichkeit, seinem ausgeprägten Freiheitsverlangen nachzugeben. 1913 flieht der 18-jährige Ernst nach Frankreich und läßt sich in Verdun von der Fremdenlegion anwerben. Im algerischen Sidi-bel-Abbès erhält er ein Telegramm des Vaters, der auf diplomatischem Wege erreicht, daß sein Sohn entlassen wird. In seinem 1936 erschienenen Buch Afrikanische Spiele verarbeitet Jünger dieses Jugenderlebnis.

Am 1. August 1914 meldet er sich sofort als Kriegsfreiwilliger, macht noch das Notabitur in Hannover und rückt im Dezember 1914 an die Front in der Champagne aus. Vom ersten Kriegstage an führt er ein Tagebuch. Den Tristram Shandy von Laurence Sterne liest er im Schützengraben hockend; dabei Fieberanfälle mit Kodein und Burgunder bekämpfend. Das Kriegsgeschehen, dessen Grauen er mit wachem Sinn wahrnimmt, empfindet er trotz allem gewissermaßen als dem Entzücken der Liebenden vergleichbar. Im September 1916 bewahrt ihn eine Verwundung am Vorabend der Somme-Schlacht vor dem sicheren Tod; sein Regiment kehrt aus dem Trichterfeld bei Guillemont nicht mehr zurück.

Ernst Jünger: Krieger und Träumer. Autor und Soldat. Radikaler Nationalist und Künder einer neuen Zeit. Eingeweihter der Subtilen Jagden, Drogenexperimentator und Sanduhrsammler. Dandy, Flaneur und Einzelgänger. Balanceur der Transzendenz. Mit zahllosen Attributen wurde er belegt, und tatsächlich umfaßt seine Persönlichkeit von allem etwas. Wegen seiner Kriegsbücher und vor allem den mehr als 140 Artikeln, die er in Zeitschriften des „Neuen Nationalismus“ veröffentlichte, wurde er nach 1945 wie nur wenige befehdet und ausgegrenzt. Die Unwissenheit über diesen Mann, seinen Weg und sein ambivalentes Werk ist nach wie vor ungemein groß.

Als der 23-Jährige aus dem Ersten Weltkrieg zurückkehrte, in den er 1914 nach eigenem Bekunden „in einer trunkenen Stimmung aus Rosen und Blut“ gezogen war, faßte er sein Überleben als Zeichen einer höheren Bestimmung auf, und er unternahm den schriftstellerischen Versuch, dem eigenen Kriegserleben, jenem Kampf als inneres Erlebnis, eine metaphysische Deutung zu verleihen. In vierjährigem, härtestem Einsatz an der Westfront machte sich der „ruhige Leutnant“ einen Namen als Stoßtruppführer in Flandern, der überall dort eingesetzt wurde, wo besondere Gefahren auch besonderer Lösungen bedurften. Die vier Jahre dieses Krieges erlebte und verarbeitete Ernst Jünger äußerst intensiv.

»Wenn ich bedenke, in welcher Umgebung ich mich jetzt sonst vielleicht befände, zwischen Strebern in einen Beruf eingekeilt, in einem Friedensoffizierskorps, einer Verbindung, im rauchigen Café zwischen Literaten – ich glaube, ich hätte nach einem halben Jahr den Kram zusammengehauen, um an den Kongo oder nach Brasilien zu gehen.«

1920 veröffentlichte er – auf Anregung seines Vaters – sein erstes Buch In Stahlgewittern. Dieses „Tagebuch eines Stoßtruppführers“ blieb bis heute sein berühmtestes Werk. Der deutsche Frontsoldat hatte den Krieg, nach seinen Worten, wie einen Wein genossen und war noch immer davon berauscht:

Es entstand ein neuer Mensch, ein neuer Lebenswille. Ihn kennzeichnete die nervige Härte des Kämpfers, der Ausdruck der einsameren Verantwortung, der seelischen Verlassenheit. In diesem Ringen … bewährte sich sein Rang. Der Weg, den er ging, war schmal und gefährlich, aber es war ein Weg, der in die Zukunft führte … Der Anblick des Gegners bringt neben letztem Grauen auch Erlösung von schwerem, unerträglichem Druck. Das ist die Wollust des Blutes, die über dem Kriege hängt wie ein rotes Sturmsegel über schwarzer Galeere, an grenzenlosem Schwunge, nur dem Eros verwandt.

Wieviel harsche Kritik mußte Ernst Jünger bis auf den heutigen Tag wegen solcher Textpassagen seines Frühwerkes erfahren. Doch anders als viele seiner Zeitgenossen, egal, aus welcher dispersen Perspektive sie ihr Kriegserleben auch schilderten, zu nennen wäre hier etwa Erich Maria Remarque, zeigte Jünger die nüchterne Realität des Kampfes. Auf seine Art setzte er dem Opfer des Soldaten sprachliche Denkmäler, anders, als etwa Walter Flex in seiner glorifizierenden Sprache es tat:

Ihr heiligen grauen Reihen / 
Geht unter Wolken des Ruhms / 
Und tragt die blutigen Weihen / 
Des heimlichen Königtums.

Die Inschrift prangt noch heute auf einem Relief der Langemarckhalle auf dem Olympiagelände in Berlin.

Wer in diesem Kriege nur die Verneinung, nur das eigene Leiden und nicht die Bejahung empfunden habe, der habe ihn nur als Sklave erlebt; der habe lediglich ein äußeres, aber kein inneres Erlebnis gehabt, meinte Jünger:

Hier fließt es vorbei, das Leben selbst, die große Spannung, der Wille zum Kampf und zur Macht in den Formen unserer Zeit, in unserer eigenen Form.

Der Schützengraben habe den Krieg zum Handwerk und den Krieger zu einem Tagelöhner des Todes gemacht.

Romantische Sage war auch das Gefühl beklommener Ahnung geworden, das den Soldaten beschlich am Vorabend, am Lagerfeuer, beim Ritt ins Morgenrot, und das ihm die Welt zu einem dunkel-feierlichen Dom, den vollen Atemzug zum Abendmahl vor schwerem Gange wandelte.“ 

Vergessen wir jedoch eines nicht: Vor Jüngers erster Begegnung mit einer Frau liegt die gleichsam erotische Erfahrung von Krieg und Tod; der Dramatiker Heiner Müller wies wiederholt auf diese Tatsache hin: „Jüngers Problem ist ein Jahrhundertproblem: Bevor Frauen für ihn eine Erfahrung sein konnten, war es der Krieg.“ Zumindest könnte es Jüngers Problem gewesen sein, denn das Weibliche spielt tatsächlich so gut wie keine Rolle in seinem Werk und wenn, dann fast stets chiffriert. Während eines Besuchs, den Müller dem Schriftsteller 1988 abstattete, bestätigte sich ihm diese Vermutung: „Jünger hat vor nichts Angst als vor Frauen. Das war mein Eindruck.“ Aber dennoch war dem Stoßtruppführer Zwischenmenschliches keineswegs fremd:

Während die kleine Fensterscheibe im Hammertakt der nahen Front erbebte, streiften zwei Lippen des Mannes Ohr, eindringlich bemüht, die ganze Melodie der fremden Sprache in ihn hineinzugießen. Da mochte diese Minute eine Ahnung von der Seele ihres Landes in ihm entzünden, heller als die Weisheit der Bücher und aller Hohen Schulen zuvor. Denn was ist das Verständnis des Hirnes gegen das des Herzens?“

Die Grundstimmung der Zeit, die Jünger so virtuos auszudrücken imstande war, war bei zahlreichen Geistern der Zeit latent vorhanden. Thomas Mann zum Beispiel sah im Kriegsausbruch 1914 sogar den notwendigen Kampf zwischen Kultur und Zivilisation: „Krieg! Es war Reinigung, Befreiung, was wir empfanden, und eine ungeheure Hoffnung.“

Und Stefan George ließ als Aufruf und Mahnung seine Drei Gesänge erscheinen, in deren erstem es heißt:

Wenn je dieses Volk sich aus feigem erschlaffen / Sein selber erinnert der kür und der sende: Wird sich ihm eröffnen die göttliche deutung / Unsagbaren grauens … dann heben sich hände / Und münder ertönen zum preise der würde / Dann flattert im frühwind mit wahrhaftem zeichen / Die königsstandarte und grüßt sich verneigend / Die Hehren die Helden!

Jünger befand sich also durchaus nicht allein mit seiner euphorischen Stimmungslage. Was der späte Jünger ein „Bruderschaftstrinken mit dem Tod“ nannte, mag beim frühen Todessehnsucht und -lust gewesen sein. Es gibt ein bezeichnendes Bild dieser Urverlockung: Ein Gemälde Böcklins, das einen Konquistadoren auf einem einsamen Strand, der mit den Schädeln und Gebeinen der dort Gescheiterten übersät ist, zeigt. So schreibt Jünger: 

„Das Abenteuer ist das Konzentrat des Lebens; wir atmen schneller, der Tod rückt näher heran.“

In Der Kampf als Inneres Erlebnis findet Jünger zu einer Sprachkraft ohnegleichen. Es ist, als habe er jede Sekunde seines Kriegserlebens wie in einem mit ungeheurer Schnelligkeit vor ihm ablaufendem Film niedergeschrieben, das Grauen, den Graben, den Eros, die Angst:

Oft hielt ein Fähnlein eherner Gesellen sich endlose Tage im Gewölk der Schlacht, verbissen in ein unbekanntes Stückchen Graben oder eine Reihe von Trichtern, wie sich Schiffbrüchige im Orkan an zertrümmerte Masten klammern. In ihrer Mitte hatte der Tod seine Feldherrnstandarte in den Boden gestoßen. Leichenfelder vor ihnen, von ihren Geschossen gemäht, neben und zwischen ihnen die Leichen der Kameraden, Tod selbst in ihren Augen, die seltsam starr in eingefallenen Gesichtern lagen, diesen Gesichtern, die an die grausige Realistik alter Kreuzigungsbilder erinnerten. Fast verschmachtet hockten sie in der Verwesung, die unerträglich wurde, wenn wieder einer der Eisenstürme den erstarrten Totentanz aufrührte und die mürben Körper hoch in die Lüfte schleuderte … Man zog ja über das Grausige hinweg mit genagelten Stiefeln, ehern und blutgewohnt. Und doch fühlte man, wie etwas um die verwaisten Kamine strich und einem den Hals zuschnürte, so eisig, daß man schlucken mußte. Man war ja ein Träger des Krieges, rücksichtslos und verwegen, hatte manchen umgelegt, über den man weitergeschritten war mit starken Gefühlen in der Brust. Doch dies war wie ein Kinderwimmern aus wilden Mooren, eine gespenstische Klage wie das Glockengeläut des versunkenen Vineta über Meer und Mittag. Gleich dem Untergang jener übermütigen Stadt spürte man das hoffnungslose Versinken einer Kultur, erschauernd vor der Erkenntnis, im Strudel mit hinabgerissen zu werden.

Auf die Frage französischer Journalisten aber, was denn sein schrecklichstes Erlebnis im Weltkriege gewesen sei, antwortete Jünger, bereits im Greisenalter stehend, den Verdutzten: „Daß wir ihn verloren haben.“

Rauschhaft beschreibt er die Eindrücke des Frontsoldaten in der fremden eroberten Stadt:

Am Nachmittag gehe ich wieder in die Stadt, von erwachendem Treiben umflutet. Mit der geschärften Witterung des Großstädters durchschreite ich den Trubel, während das Hirn leicht und präzise die Überfülle wechselnder Bilder zerschrotet. Schaufenster, Buchhandlungen, stampfende Straßenbahnen und Automobile, deutsche, französische, flämische Satzfetzen, Frauen, trotz völkertrennender Wälle immer noch von den Einflüssen der Stadt Paris umwiegt: das alles trifft und vereint sich zu einem strahlenden, tausendarmigen Bilde des Lebens. Und diese Flut verschiedenster Beziehungen zum Sein wirft ihre Wellen mir um so stärker entgegen, als ich noch vor vierundzwanzig Stunden ganz der Urmensch war, der in Höhlen haust und um das nackte Leben kämpft. Da fühle ich, daß das ein Rausch ist und Leben, wildes, tolles, heißes Leben ein brünstiges Gebet. Ich muß mich äußern, äußern um jeden Preis, damit ich erschauernd erkenne: ich lebe, noch lebe ich. Ich tauche meine Blicke in die Augen vorüberschreitender Mädchen, flüchtig und eindringlich, und freue mich, wenn sie lächeln müssen. Ich trete in einen Laden und kaufe Zigaretten, die besten, bien entendu. Ich bleibe vor jedem Schaufenster stehen, Wäsche, zierliche Schmucksachen und Bücher betrachtend. Ich esse in einer kleinen Taverne, und nichts darf fehlen, auch nicht der Mokka und die Likörkaraffe zum Schluß.

Hochdekoriert suchte der vierzehnmal Verwundete nach 1918 neue Aktionsfelder. Da der Tod ihn gestreift, doch scheinbar ostentativ verschont hatte, mag er sich als jemand empfunden haben, den das Schicksal „aufgespart“ hatte. Doch für welche Bestimmung? Seit 1918 diente der jüngste Träger des Ordens Pour le mérite in Hannover bei einem Infanterieregiment der neuen Reichswehr. Er war einer der wenigen Nationalisten, die dies taten; die meisten hatten sich den Freikorps angeschlossen. Für kurze Zeit nach Berlin abkommandiert, redigierte Jünger tagsüber einige Kapitel der „Heeresdienstvorschrift Nr. 130 für die Infanterie“. Die militärischen Begriffe „Schützenlinie“, „Schützenkette“ und „Schützenrudel“ stammen originär von ihm.
Jünger: „Vielleicht habe ich geleistet, was die Preußen von mir erwarteten, und ich frage mich manchmal, ob sie denn auch leisteten, was i c h von ihnen erwartete.

Nachts schreibt er an seinen Kriegsbüchern. Charakteristisch für ihn ist die vornehme Haltung des ehemaligen Frontsoldaten, der das Grauen des Krieges kennt und daher keine Heldenkollektion vorlegen will, sondern der sagt: „Ich will nicht beschreiben, wie es hätte sein können, sondern wie es war.“ Manchmal nahm Jünger diesen Anspruch allzu wörtlich, so, wenn er in Das Wäldchen 125 in minutiöser Detailschilderung erzählt, wie er im Schützengraben einem feindlichen Posten auflauert und ihn erschießt. Die Darstellung endet mit den Worten:

Es freute mich, daß ich mich auf meine Waffe verlassen konnte.“ „Seine Pistole in der Hand, lag Jünger an der Grabenböschung und schoß ruhig und besonnen hinüber“,

überlieferte sein Gefechtsläufer Wilhelm Marquardt.

In die Reichswehrzeit fallen auch Jüngers erste Drogenerfahrungen, die er in seiner Erzählung Polnischer Karpfen meisterhaft beschreibt. Im Ätherrausch sucht er nach der Transzendenz. Als Bohemien in der Uniform eines preußischen Offiziers, dessen geheime nächtliche Existenz seinen Vorgesetzten unbekannt ist, beginnt Jünger ein intensives literarisches Studium, welches ihm auch zur Selbstfindung dient:

Ich stehe früh auf in meiner Zelle und lese mein Kapitel, wie es dem Mönch gebührt. Die geistlichen Übungen des Ignatius von Loyola, Gracians Handorakel, Kants Träume eines Geistersehers bilden mein Vorfrühstück, daneben aber auch die Biographien von Tacitus und Sueton. Dann arbeiten wir acht Stunden lang.

Wenig bekannt wurde Ernst Jüngers expressionistische Lyrik, welche ein Autodafé in den 1920er Jahren vernichtete. Zu den wenigen Gedichten, die erhalten geblieben sind, gehört Zu Kubins Bild: Der Mensch; Jünger hatte es 1921 dem Maler Alfred Kubin geschickt:

„Traum, hirndurchglüht, wird Vision,

Krystall, Urfrage Sein zu Wahnsinn,

Katarakt: Aufrechter Mensch; geschleudert in das All

Orkan im Haar, bleich, einsam, nackt.

Ausschnitt endloser Kurve dämmert Welt,

Absturz ins Dunkel, transzendenter Schwung,

Aufschrei des Lebens, jäh aus Nichts geschnellt,

Ein Rampenlicht zu irrem Zirkussprung.“

1923 aber nimmt Ernst Jünger seinen Abschied von der Reichswehr, um in Leipzig Zoologie zu studieren. Von nun an führte er die Existenz eines Abenteuerlichen Herzens, bis zu seinem Eintritt in das Ur-Alter. Jünger starb am 17. Februar 1998 im Alter von 102 Jahren. Die Apostrophierung des „Umstrittenen“ dürfte er noch auf lange Zeit behalten. Jünger, der in seinem langen Leben zweimal den Halleyschen Kometen sah, nämlich 1911 und 1986, hat jedoch an die Dauer im Wechsel geglaubt.

Über den Autor: Werner Bräuninger, geboren am 6. April 1965, gilt als einer der führenden Kenner für den Bereich der oppositionellen Strömungen und Widerstand im Nationalsozialismus, er veröffentlichte aber auch Bücher zu anderen Themen. Über Ernst Jünger publizierte er in seinem Buch „Ich wollte nicht daneben stehen – Lebensentwürfe von Alfred Baeumler bis Ernst Jünger“ (Ares-Verlag, Graz 2006).