Zur Tyrannei der Werte

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Dr. Eberhard Straub, geboren 1940 in Berlin Charlottenburg, studierte Geschichte, Kunstgeschichte, Archäologie und ist habilitierter Historiker. Er arbeitete für fast 10 Jahre als Redakteur des Feuilletonteils bei der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Am 13. Juli referierte er frei ohne Manuskript auf dem Hause der Marburger Burschenschaft Germania zu seinem Buch „Zur Tyrannei der Werte“.

„Werte gelten grundsätzlich als etwas wunderbares“ – mit diesen Worten begann Dr. Straub seinen Vortrag. Doch die Überraschung sei groß, wenn Werte, Höchstwerte und die Wertegesellschaft Platz für eine aggressive Politik böten, unter Umständen bis hin zu einer totalitären Gemeinschaft. In letzter Zeit sei es vermehrt vorgekommen, dass sich Deutsche in Feldwebelmanier aufführten und anderen Ländern sagten, mit Werten begründet, was sich gehöre und was nicht, so etwa auch Frau Carola Rakete, indem sie sich zur Morlabsolutistin aufschwingend einen Privatkrieg gegen Salvini führe und mit westdeutschen Moralvorstellungen gegen italienisches Recht schieße. 

Dr. Straub stellte die These auf, dass viele Deutschen glaubten, es gäbe etwas Höheres als das Recht, die Moral nämlich – diese Einstellung sei aber bedenklich, da nach Auffassung Straubs die Moral stets an Recht gebunden sei. Schließlich ermögliche nur das Recht bzw. der rechtliche Grundrahmen die freie Entfaltung und das Leben nach eigenen Wertvorstellungen. 

Die Dekonstruktion

Den Begriff „Wert“ dekonstruierte Straub dahingehend, dass er ihn dem Sprachgebrauch der Wirtschaft zuordnete, dieser Begriff könne in Abhängigkeit zum gegenwärtigen gesellschaftlichen Stimmungsklima auf -, um – und abgewertet werden, wie es den Wertsetzern passe. Somit gelten diejenigen, die die Werte nicht vertreten, als Werte-verwahrlost bzw. unwert und müssten umerzogen werden, da sie die falschen Werte vertreten. Dieser Logik folgend bewertete Straub auch die ständige Bezugnahme auf die „in der Verfassung verankerten Grundwerte“ kritisch. Das Grundgesetz, so Straub sei ein von den Siegermächten mehr oder weniger diktiertes Hilfskonstrukt, welches vom Charakter her nicht vergleichbar sei mit einer „echten“, heißt volksgegebenen Verfassung , die eine authentische Rückgebundenheit der Werte ermögliche. Die hohepriesterliche Festlegung und Auslegung sogenannter „westlicher Werte“ führte notwendigerweise dazu, dass der abgeteilte deutsche Osten als „rückständig“ galt- ein Umstand, der die tatsächliche Zusammenführung von West und Ost bis heute lähmte. Den Trägern des westdeutschen Moralkompass attestierte Straub einen pathologisch-krampfhaften Umgang mit der eigenen Geschichte, der ständige Fingerzeig auf die ewige deutsche Schuld führe zur Selbstverachtung und widerspreche damit gerade dem europäischen Einigungsgedanken, wie er im Lissabonner Vertrag festgehalten ist, da in diesem Vertrag als Grundannahme vorausgesetzt wird, dass sich die europäische Völkergemeinschaft aus Völkern zusammensetze, die Stolz auf ihre Identität seien. Straub wies in seinem Vortrag darauf hin, dass es keine „Stunde 0“ gab, die BRD also nicht als komplette Neuschöpfung mit einem eigenen, progressiv orientierten Mythos so einfach aufwarten kann. Eine Quintessenz des moralischen Selbstverständnisses der BRD, die Freiheit nämlich, sei keine alleinige Errungenschaft der Nachkriegszeit, sondern wir Deutsche könnten auf eine über 1000-jährige Tradition der Freiheit schauen. Als Beispiel führte Straub hier Martin Luther an, auf den als Freiheitsfigur immer wieder zurückgegriffen wurde, so auch in der Vormärzzeit. Selbst im immer wieder als autoritär karikierten Deutschen Kaiserreich äußerte sich die Freiheit in der relativen Handlungsfreiheit oppositioneller Kräfte. 

Straub spannte von hier an den Bogen zur aktuellen politischen Lage und postulierte, dass sich die Deutschen wie auch die anderen europäischen Völker keine Bevormundung durch das Wirtschaftskonstrukt EU gefallen lassen dürften, der Protest hiergegen sei gewissermaßen deutsche Tradition. Italien Österreich und Deutschland seien Völker mit langer europäischer Tradition, die schon lange auch eine europäische Tradition pflegten, ihnen brauche man nicht zu erzählen, dass sie erst durch so etwas Profanes wie die EWG Europa kennenlernten. 

Tyrannei der Werte

Dr. Straub machte auf ein weiteres Problem der Tyrannei der Werte aufmerksam: In westlichen Gesellschaften gelte als grundsätzliches Postulat des Zusammenlebens die Faustregel, dass sich jeder nach seiner Weise verwirklichen könne, sofern niemand Anderes in seiner Selbstverwirklichung eingeschränkt werde. Wenn nun aber Werte höher gelten als Rechte, dann sei die Menschenwürde in Gefahr. Es sei ähnlich wie zur Französischen Revolution, als vorgeschrieben wurde, was zu denken sei. Auch heute sei es so, dass sich der Staat immer weiter in den Bereich des Privaten einmische. Die Symptome seien erkennbar: Staatsbürger werden auf Verdacht kriminalisiert; ihnen wird unterstellt die falschen Gedanken zu denken. 

Doch nur Taten seien von juristischen Belangen, das Denken, Hoffen oder eine Vermutung bzw. ein Verdacht nicht. Wo doch eigentlich gelten müsse, dass man in seinen vier Wänden tun und lassen kann, was man möchte, es sei denn es störe oder missachte tatsächlich die Verfassung. 

Umgekehrt sei auch zu beobachten, dass das Private zunehmend in die Öffentlichkeit gezerrt werde. Werden öffentliche religiöse Glaubensbekenntnisse beispielsweise heutzutage belächelt, obwohl sie ihrem Wesen nach notwendigerweise in den öffentlichen Raum gehören, gebe es geradezu eine widernatürliche öffentliche Bekenntnislust der eigenen sexuellen Orientierung, also von etwas höchst Privatem und Intimen. 

Werte seien also keine linear eingemeißelten Leitlinien, sondern stünden in Abhängigkeit zum gegenwärtigen Zeitgeist. Sie können und werden als moralische Korsette zur Legitimitationssicherung der Machthabenden nach Bedarf umgedeutet, konstruiert oder sogar als Werkzeuge der Unterdrückung eingesetzt. Im liberalen Westen bilden sie längst eine eigene Tyrannei. 

Nach diesem spannenden Vortrag leitete der Aktivensprecher in die Diskussion über, an der sich zahlreiche Gäste lebhaft beteiligten. 

Insgesamt können wir Marburger Germanen also wieder auf eine gelungene Veranstaltung zurückblicken.