Die Mensur

»Daß die deutsche Maid von einem Gesicht hingerissen wird, das zerschnitten und zerfetzt ist, bis es aussieht, als sei es aus verschiedenen Materialien zusammengesetzt, die nie zueinander gepaßt haben, ist eine bewiesene Tatsache«,

so schilderte der britische Autor Jerome K. zugespitzt die Mensur in seiner im Jahre 1900 erschienen humoristischen Erzählung »Drei Männer auf Bummelfahrt«.

Der Waffengang als Charakterschule

Unsere Gesichter sind zwar im Kontrast zur Schilderung Jerome K. noch heil, doch trägt so mancher von uns den charakteristischen »Schmiss«, jene feine Narbe, die einen als Folge eines Treffers auf der Mensur für den Rest seines Lebens begleitet. Seit Jahrhunderten treten deutsche Studenten traditionell zu diesem Ritual an und beweisen jedes Mal aufs Neue Disziplin, Mut und Standhaftigkeit.

Die Mensur ist eine rein auf den deutschen Sprachraum begrenzte Tradition, die über die Jahrhunderte ihre heutige Form gewonnen hat. Feste Regelwerke, erprobte Schutzausrüstung und ritualisierte Abläufe haben aus den wilden Duellen des 16. Jahrhunderts etwas ganz Eigenes geschaffen. Für die Mensur benötigt man dieselben Werte, die Grundlagen für ein aufrechtes und erfolgreiches Leben sind, weswegen es kaum ein besseres Mittel als die »scharfen Gänge« gibt, um eben jene unseren Mitgliedern zu vermitteln.

Die Mensur als lebendige Tradition

In welcher Situation wird man heute sonst genötigt, über sich selbst hinauszuwachsen, sich der Gefahr zu stellen und sprichwörtlich den Kopf hinzuhalten? Die Mensur ist, wie so mancher »Kritiker« meint, sicherlich nicht mehr zeitgemäß, doch umso mehr wissen wir sie zu schätzen. Das Knistern der Luft vor dem ersten Gang, das Adrenalin das einen beim Kommando zum ersten Gang durchströmt, der Klang aufeinander prallenden geschliffenen Stahl – in mehr als nur einem Paukanten hat dieses einmalige Erlebnis dafür gesorgt, dass er freiwillig weit mehr als die erforderlichen Pflichtpartien gefochten hat. Die Mensur, das ist gelebte Kultur, bewahrte Tradition, Selbstüberwindung und noch vieles mehr.

Die »Schmisse« sind übrigens, entgegen mancher Unkenrufe, keinesfalls Pflicht – aber wer will schon ohne Narben sterben?